Halbjahrestreffen für JenErgieReal: Umsetzungsphase läuft auf Hochtouren

Jul 3, 2026, 9:23:00 AM | Stadtwerke Jena Gruppe | Blog | Energie- & Wärmewende | JenErgieReal

Auch wenn noch niemand von Endspurt sprechen würde - doch nach dem Halbjahrestreffen für unser Reallabor der Energiewende JenErgieReal ist klar: Es gibt noch viel zu tun und die Projektlaufzeit endet bereits in reichlich einem Jahr. Gemeinsam mit dem Projektträger Jülich blickten die Verbundpartner am Freitag auf das bereits Erreichte zurück - und natürlich auch voraus.

"Die Branche schaut sehr genau auf uns", sagte jenawohnen-Geschäftsführer Tobias Wolfrum bei seiner Begrüßung. Schließlich beschäftige sich das Reallabor der Energiewende mit "großen" Themen wie Versorgungssicherheit, intelligenten Netzen, Nutzung von Erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und CO2-Einsparung. "Wir verlieren dabei aber niemals die Menschen aus dem Blick, die die technischen Innovationen verstehen und nutzen sollen und die einen Vorteil davon haben müssen." 

Seit Ende 2022 bereits arbeiten die Stadtwerke Jena Netze, die Stadtwerke Energie, jenawohnen, die Westsächsische Hochschule Zwickau, die Ernst-Abbe-Hochschule Jena, die Stadt Jena, die AWO Mitte-West-Thüringen und die Brunata Metrona im Reallabor der Energiewende JenErgieReal zusammen. Bis Ende 2027 wollen die Partner gemeinsam intelligente Lösungen entwickeln und erproben, um den durch die Energie-, Wärme- und Verkehrswende steigenden Strombedarf zu decken. Dabei setzen die Projektpartner auf Digitalisierung und intelligente Steuerung statt auf großflächigen Netzausbau. Gleichzeitig erproben die Verbundpartner im Modellquartier am Salvador-Allende-Platz intelligente Lösungen für eine bedarfsgerechte Wärmeversorgung in Gebäuden. Die Ernst-Abbe-Hochschule begleitet die Projektarbeit mit sozialwissenschaftlichen Studien. Die AWO nutzt digitale Lösungen auch zu Verbesserungen in der Pflege und testet Elektromobilitätslösungen auf Quartiersebene.

"Aktuell sind wir mitten in der Praxisphase und stellen fest: In unseren Themen ist unheimlich viel Bewegung, die Rahmenbedingungen ändern sich ständig", so Tobias Wolfrum weiter. Dies habe auch zu Projektanpassungen geführt. "Aber auch das gehört zu einem Reallabor, denn daraus lernen wir." 

Zum Halbjahrestreffen am vergangenen Freitag gaben die Projektpartner nun einen Einblick in den aktuellen Stand und einen Ausblick auf die nächsten Schritte. Hier (platzbedingt) nur eine Auswahl:

Halbzeit am Modellquartier am Salvador-Allende-Platz

Die Sanierung des Gebäudekomplexes Salvador-Allende-Platz 9 bis 23 untergliedert sich in vier Bauabschnitte, zwei davon sind bereits abgeschlossen und die Wohnungen vermietet, berichtet Phillipp Roth von jenawohnen. Aktuell starten die Arbeiten an den Häusern 17/19 und laufen die Bauvorbereitungen für die Eingänge 21/23. In den WBS70-Plattenbauten kommen unterschiedliche technische Lösungen zum Einsatz, um die Wärmeversorgung auf Gebäude- und Wohnungsebene besonders effizient zu gestalten. 

So haben die Stadtwerke Energie eine intelligente Hausanschlussstation (iHAST) für die Fernwärme im Einsatz. Mittels Wärmepumpen wird sowohl die Restwärme aus dem Abwasser als auch die Abwärme aus der Kühlung des Kaltwassers zum Heizen und zur Warmwasserbereitung genutzt. In den Wohnungen sorgt zudem die von Brunata Metrona entwickelte intelligente Heizungssteuerung ImmoHeatIQ für bedarfsgerechtes, sparsames Heizen. Dies alles soll den Energieverbrauch in dem Gebäude optimieren, CO2 einsparen und im besten Falle zu einer Stabilisierung oder sogar Senkung der Betriebskosten für die Bewohner beitragen. Die aus allen Komponenten gesammelten Daten werden mittels der iHAST und auf der Ebene des virtuellen Kraftwerks zur intelligenten Steuerung genutzt, um Vorlauftemperaturen im Gebäude und den Wärmebezug aus dem Netz zu reduzieren.  

Größte Balkon-PV-Anlage Thüringens bekommt noch Zuwachs

Da am Salvador-Allende-Platz alle Wohnungen in den ersten beiden Bauabschnitten mit Balkon-PV-Anlagen ausgestattet sind, mit dem die Mieter ihren eigenen Strom erzeugen und direkt verbrauchen können, erlangte das Modellquartier sogar überregionale Aufmerksamkeit: Als größte Balkon-PV-Anlage Thüringens. Nun wurde entschieden, weitere Wohnungen, u.a. an den Giebelflächen, mit Modulen auszustatten. Zudem ist geplant, weitere Wärmequellen zu erschließen: So soll in den kommenden Bauabschnitten mittels Luft-Wärmepumpen die Abwärme aus den innenliegenden Bädern nutzbar gemacht werden. Auch laufen Gespräche mit den Stadtwerken Energie zur Planung einer Dach-PV-Anlage auf den Gebäuden 17 bis 23. Hier gab es v.a. große statische Herausforderungen, weil auch die Abluft-Wärmepumpe auf dem Dach platziert werden soll. Geprüft wird nun eine minimalinvasive Tragkonstruktion, die die Platzierung beider Anlagen auf dem Objekt ermöglichen könnte. 

Umfrage zeigt: Wohneigentum entscheidend für Blick auf Energiewende

Dass am Salvador-Allende-Platz Mieter:innen innovative Versorgungstechnologien nutzen und damit an der Energiewende teilhaben können, ist eher die Ausnahme. Das bestätigt auch die 2024 von der Ernst-Abbe-Hochschule im Rahmen von JenErgieReal durchgeführte repräsentative Befragung unter der Jenaer Bevölkerung. Demnach ist der Anteil derer, die bereits eine PV-Anlage, ein Elektroauto, eine Wärmepumpe oder einen Speicher besitzen oder zeitnah anschaffen wollen, unter den Wohneigentümern deutlich höher als unter den Mietern. Kriterien wie Technikaffinität oder verfügbares Einkommen sind kaum entscheidend. Auch sind Hausbesitzer grundsätzlich stärker daran interessiert, sich ein Elektroauto zu kaufen, obwohl diese Technik ja auch für Mieter verfügbar ist. Überraschend: Die Klimasorge spielt kaum eine Rolle bei der Entscheidung für Energiewende-Technologien. Auch das Alter der Befragten hat keinen messbaren Effekt, berichtet Studienleiterin Johanna Siebeking. Im September dieses Jahres ist eine weitere Befragung geplant. Ziel ist es zu messen, ob die veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen oder neue Förderkulissen für Energiewende-Technologien Einfluss auf die Pläne und Einstellungen der Menschen hatten. 

Intelligente Stromnetze: Der erste rONT ist installiert, weitere werden folgen

Über die Nachrüstung des ersten regelbaren Ortsnetztransformators (rONT) konnte Tobias Nachtwey von den Stadtwerken Jena Netze berichten. Manoel Rüffer von der Westsächsischen Hochschule hatte sogar eines dieser Steuergeräte mitgebracht. Mithilfe seines Laptops konnte er demonstrieren, wie der rONT Echtzeitdaten an das virtuelle Kraftwerk übermittelt, dieses einen Steuerbefehl ableitet und zurücksendet, welchen der rONT mit einem deutlich hörbaren Klacken umsetzt. In der Trafostation Göttern Ort ist der erste rONT im Einsatz. Am oberen Freiberg in Drackendorf und Vor dem Dorfe in Großlöbichau sollen noch in diesem Quartal zwei weitere folgen. Nochmal drei rONT sollen innerhalb der Projektlaufzeit installiert werden. v.a. in Stadtrandlagen von Jena. 

Durch hohe Stromeinspeisung oder hohen Strombedarf überlastete Niederspannungsnetze sind eine der großen Herausforderungen der Energiewende. rONT können solche Spannungsschwankungen erkennen und stufenweise ausgleichen. Zur Steuerung der rONT sollen neben Echtzeitdaten aus dem Netz auch Prognosedaten aus dem virtuellen Kraftwerk genutzt werden. So können Wettervorhersagen u.a. Aufschluss geben über die zu erwartende Einspeisung aus PV oder über den zu erwartenden Strombedarf zum Heizen mit Wärmepumpen. Dass die rONT-Regelung funktioniert und v.a. Spannungsspitzen in der Mittagszeit ausgleicht (viel PV-Strom wird erzeugt, aber es sind keine Abnehmer zuhause), konnte im Projektkontext bereits gezeigt werden. 

Markt- und netzdienlicher Speicher: Neuer Standort wird gesucht

Noch nicht ganz so weit wie erhofft ist das Teilprojekt hingegen bei seinem Vorhaben, einen Batteriespeicher ins Niederspannungsnetz zu integrieren, berichtet Tobias Nachtwey. Ziel ist es, mit der Anlage verschiedene markt- und netzdienliche Betriebsweisen zu erproben. Während marktdienliche Speicher v.a. dem Handel der aufgenommenen Strommengen an der Energiebörse dienen, sollen netzdienliche Speicher das Versorgungsnetz in kritischen Situationen durch ein gezieltes Ein- und Ausspeichern entlasten. Vorgesehen war der Speicher in der Ortslage Drackendorf, wo in der Ein- und Zweifamilienhausbebauung eine hohe Anzahl an PV-Anlagen, Wärmepumpen und Elektroladesäulen immer wieder zu erheblichen Spannungsschwankungen führen. Leider stehen dort nicht genügend Flächen mit ausreichend Abstand zur Wohnbebauung zur Verfügung, weswegen nun alternative Standorte geprüft werden. Wann der Speicher errichtet werden kann, ist entsprechend derzeit noch offen. 

Großbatteriespeicher Göritzberg: Ausschreibung läuft

Gut voran kommt unterdessen ein weiteres Speicherprojekt, das diesmal auf die Netzebene der Mittelspannung abzielt. So soll im Rahmen von JenErgieReal der geplante Bürgersolarpark Göritzberg unweit von Bürgel mit einem Großbatteriespeicher ausgestattet werden. Für die Anlage mit einer Leistung von 2 MW und einer Kapazität von 7,7 MWh ist inzwischen die Ausschreibung erfolgt, berichtet Marcus Wöckel von den Stadtwerken Energie. Er kann marktdienlich betrieben werden, soll aber auch "puffernd" wirken, damit es bei hoher Solarstromerzeugung an sonnenreichen Tagen nicht zu einer Überlastung des Mittelspannungsnetzes kommt. 

Nach der Sommerpause soll zudem ein weiteres Speicherprojekt konkret werden: Am Bahnhof Göschwitz entstehen Schnellladesäulen für Elektroautos, die um einem Batteriepufferspeicher ergänzt werden sollen. Dieser soll marktdienlich betrieben werden. Ziel ist es einerseits, den Speicher vorrangig zu Zeiten niedriger Strompreise zu füllen. Die Ladevorgänge sollen vornehmlich aus dem Speicher bedient werden, was in Zeiten hoher Netzbelastung auch netzentlastend wirken kann. 

Von Wärme bis Speicher: Energieoptimierung beim Jenaer Nahverkehr

Konkreter werden auch die Pläne, die Strom- und Wärmeversorgung des Jenaer Nahverkehrs im Rahmen von JenErgieReal zu optimieren. Vorgesehen ist in einem ersten Schritt, die Wärmeversorgung des Betriebshofes zu digitalisieren, berichtet Marcus Wöckel. So soll eine iHAST in Betrieb genommen werden und den Bezug von Fernwärme aus dem öffentlichen Netz bedarfsgerecht steuern. Ergänzend soll ein strombasierter Wärmeerzeuger installiert und mit Sonnenstrom von den eigenen PV-Anlagen betrieben werden. Wann welche Wärmeerzeugung zum Einsatz kommt, kann über die iHAST und das virtuelle Kraftwerk gesteuert werden. 

In einem nächsten Schritt ist der Bau und Betrieb eines Batteriespeichers auf dem Betriebshof geplant, der zu Zeiten niedriger Börsenpreise für Strom gefüllt oder aus Stromüberschüssen der eigenen PV-Anlage gespeist werden kann. So können Energiekosten gesenkt, aber auch Netzbelastungen durch Ladevorgänge der Elektrobusse reduziert werden. In der Priorität etwas nach hinten gerutscht sind hingegen die Pläne, auch an den Gleichrichterunterwerken im Straßenbahnnetz Batteriespeicher zu installieren. Diese Konzepte sollen erst nach Projektende von JenErgieReal umgesetzt werden, im Zuge der ohnehin anstehenden Modernisierung der Bahnstromversorgungsanlagen. 

Die Menschen mitnehmen: Schon fast 1000 Besucher im EnergieLabor in der Löbderstraße

All das und noch viel mehr zu zeigen, zu erklären und verständlich zu machen ist die Aufgabe der Ausstellung "Energie - Was uns bewegt". Mit ihrer Freiluftinstallation am Engelplatz, den Infosäulen an den Innovationsstandorten und dem zentralen Ausstellungsraum im EnergieLabor in der Löbderstraße ist sie seit Anfang März für Besucher geöffnet. Fast 1.000 Gäste konnten seitdem bereits begrüßt werden, berichtete Nadine Haufe von der Stadt Jena. Die Ausstellung im früheren StadtLab ist dienstags bis freitags von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Veranstaltungen, Führungen und Aktionstage ergänzen bis Ende August 2027 das Angebot. 

 

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